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«Druck auf Spitzenmanager ist derzeit enorm»

www.cash.ch vom 03.02.2010

cash: Wie gut ist der Ruf von Schweizer CEO auf dem internationalen Parkett?

Iain Martin: Schweizer Führungskräfte geniessen im Ausland einen hervorragenden Ruf. Joe Ackermann, Chef der Deutschen Bank, ist für mich ein Paradebeispiel. Auf Reisen nach Asien und in die USA treffe ich auf viele CEO und Top-Manager aus der Schweiz. Sie alle sind hoch angesehen.

Über welche Qualifikationen und Charaktereigenschaften müssen Schweizerinnen und Schweizer verfügen, wenn sie im Ausland Karriere als CEO machen wollen?

Eine gute Frage, denn die Anforderungen an einen CEO – unabhängig von seiner Nationalität – unterscheiden sich grundsätzlich von denen anderer Führungspositionen. Zunächst muss man unabhängig sein. Ebenfalls sollte man ein guter Teamplayer sein, denn kein CEO kann allein seine Aufgaben bewältigen. Dann braucht man eine klare Vision und Strategie sowie die Fähigkeit, diese in einer überzeugenden Art zu verkaufen. Überraschender Weise sind erfolgreiche CEO auch gute Zuhörer.

Was raten Sie CEO-Anwärtern, um weiterzukommen?

Die wichtigsten Erfolgsfaktoren lassen sich an einer Hand abzählen. Vertrauen und Glaubwürdigkeit sind essentiell. Eine klare Vision und eine wirklich fesselnde Art, diese als Strategien zu verkaufen.

Wie gehen Sie das Coaching von hochrangigen Führungskräften an?

Unser Coaching-Modell unterscheidet sich grundlegend von den bestehenden Vorgehensweisen. Für uns arbeiten ehemalige Spitzenmanager, aber keine Psychologen. Nennen wir es 'Blauer Anzug' im Gegensatz zu 'Weisser Kittel'-Ansatz. Bevor wir wirklich loslegen mit unserer Arbeit, versuchen wir mittels Feedback-Gesprächen den ganzen Hintergrund zu verstehen. Wir sind dabei sehr ehrlich und direkt. Hochrangige Unternehmensführer verdienen das, bekommen aber selten solch ein Feedback. Man könnte mich auch als 'Chief Honesty Officer' bezeichnen.

Wie gehts dann weiter?

Nach der Feedback-Phase beginnen wir, einen Massnahmenplan zusammen mit unseren Kunden auszuarbeiten, der uns als Basis für unser Coaching dient. Unsere Kunden benützen uns oft als Denkpartner und Ideengeber. Hat ein CEO zum Beispiel eine Idee im Hinterkopf, weiss aber nicht, wie er diese verkaufen kann, besprechen wir sie miteinander. Die Grenze zwischen einer brillianten und einer dummen Idee ist oft nicht klar. Stellt die Idee sich als dumm heraus, begraben wir sie in einem sicheren Rahmen, ohne dass es jemand mitbekommt. Eine gute Idee führen wir zusammen in eine breite Strategie über.

Bei welchen Problemen werden Sie noch herangezogen?

Wir helfen den Leuten, wieder auf die Erfolgsspur zu kommen. Immer öfter stellen wir Führungskräfte auf die bevorstehenden Herausforderungen ein, so dass Probleme erst gar nicht auftreten. Ich nenne das 'Executive anti-freeze'. Im Winter füllt man doch auch Frostschutz ins Kühlwasser eines Autos, um es vor der bevorstehenden Kälte zu schützen. In diesem Stil gehen wir bei den Führungspersonen vor.

Inwieweit fordert die Finanz- und Wirtschaftskrise einen CEO, so dass er Ihre Dienste in Anspruch nimmt?

In guten Zeiten ein Unternehmen zu führen, ist nicht schwer. In der gegenwärtigen Krise sieht das aber ganz anders aus. Viele CEO sind auf dem Sprung oder sitzen auf dem Schleudersitz. Börsenkotierte Unternehmen sind auf eine besondere Weise unter Druck. Forderungen prasseln von unterschiedlicher Seite – von Aktionären, Verwaltungsräten, Geldgebern und Analysten – auf das Management ein. Sie sind unmittelbar und das Konfliktpotenzial ist gross. Die Balance zu finden, das ist die Schwierigkeit. Wir helfen, diese zu finden.

Der Druck auf Manager durch die Finanzkrise hat zu einer Welle von Selbstmorden geführt...

Der Druck, der gegenwärtig auf den Kaderleuten lastet, ist enorm. Je höher man in der Hierarchie steigt, desto grösser wird er. Besonders in Unternehmen mit niedrigen Margen ohne grosse Eintrittsbarrieren wie in der Chemie oder bei Zulieferern in der Automobilindustrie sitzen CEO auf eher wackligen Posten.

Wo erreichen Sie Grenzen als Coach?

Ein altes Sprichwort besagt: Geteiltes Leid ist halbes Leid. Den meisten Unternehmensführern reicht es, einen intelligenten und erfahrenen Gesprächspartner an der Seite zu haben. Einer, der weiss wie es ist, auf dem heissen Stuhl zu sitzen. Alkohol-Abhängigkeit oder andere psychische Probleme kommen selten vor. Wir wissen, wenn wir da mit dem Coaching aufhören und an Experten weitergeben müssen.

Rund 50 Prozent der Toppositionen in multinationalen Schweizer Firmen sind mit Ausländern besetzt. Welche Fragen beschäftigen CEO, wenn sie in die Schweiz kommen?

Eine Umsiedlung in ein fremdes Land ist immer eine aufregende Sache. Aber der Umzug bedeutet auch sehr viel Stress, ähnlich wie bei einer Scheidung oder einem Todesfall. Du übernimmst einen neuen Job, wechselst vielleicht die Branche, hast ein neues Team und musst schnell Kontakte zu Netzwerken knüpfen. Dann ist da noch die Familie, es braucht eine Schule für die Kinder. Ist auch der Ehepartner glücklich? Das alles geht an die Substanz. Die Schweiz ist wahrscheinlich einer der besten Plätze der Welt für einen CEO.

In welcher Hinsicht?

CEO finden in der Schweiz ein sehr stimulierendes Geschäftsumfeld. Hierzulande haben bedeutende Konzerne wie Roche, Novartis, ABB und Syngenta ihre Heimat. Auch viele Konzerne aus den USA und Asien haben in der Schweiz ihren Europa-Hauptsitz. Für ihre Familien finden sie ein sicheres Umfeld vor, gute Schulen, ausgezeichnete Wohnmöglichkeiten und wichtige internationale Netzwerke. Kurz: Die Lebensqualität ist in der Schweiz ausserordentlich gut.

Schränken Geheimhaltungsklauseln und Datenschutzbestimmungen kotierter Unternehmen nicht Ihre Arbeit als Coach ein?

Natürlich gehen wir sehr vorsichtig mit dem Wissen über kotierte Gesellschaften um. Wir haben Insider-Wissen, ganz klar. Deshalb befolgen unsere Executive Coaches klare Verhaltensregeln. Durch Mitgliedschaften in verschiedenen professionellen Instituten sind wir an sogenannte 'Codes of Conduct' gebunden. Wir betrachten uns selbst als Mitglieder der Führungscrew des Unternehmens unserer Kunden. Daher halten wir uns an die gleichen Regeln und Beschränkungen, beispielsweise hinsichtlich Aktienhandel, wie das jeweilige Top-Management-Team.

Sie könnten mit Ihrem Wissen also Aktien steigen oder abstürzen lassen. Wie gehen Sie persönlich damit um?

Unsere Coaches hatten alle Spitzenpositionen in wichtigen Unternehmens. Ich selbst war CEO und CFO in Europa und China. Daher können wir mit der Macht umgehen, die man in Top-Positionen hat. Unsere Firma ist schon seit 12 Jahren im Geschäft, länger als die meisten anderen Coaching-Unternehmen auf dieser Welt. Wir haben uns einen sehr guten Ruf erarbeitet, den wir keinesfalls aufs Spiel setzen wollen. Letztlich verfolgen wir nur ein Ziel, nämlich dass unseren Kunden ihre Ziele erreichen. Macht und Reichtum ist für uns nebensächlich.